Schiffbau trifft Digitalisierung: Zwei Jahre im Forschungsprojekt SEUS

Zwei intensive Jahre im europäischen Forschungsprojekt SEUS liegen hinter mir. Unser gemeinsames Ziel: die Digitalisierung des Schiffbaus in Europa maßgeblich voranzutreiben. Und die Notwendigkeit dafür ist nach wie vor immens. Die EU schreibt kontinuierlich Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Schiffbausektor aus, um Europas Position im globalen Wettbewerb zu stärken.

Angesichts von Niedriglohnländern und weitreichenden Subventionen auf dem außereuropäischen Markt ist das überlebenswichtig. Obwohl europäische Qualität in der maritimen Industrie hochgeschätzt wird, zwingt der Kostendruck auch diese traditionsreiche Branche zu massiven Effizienzsteigerungen und optimierten Prozessen.

Genau hier haben wir als CONTACT angesetzt: Als fester Bestandteil der Forschung und treibende Kraft der Transformation, den entscheidenden Daten-Backbone für eine erfolgreiche Digitalisierung bereitzustellen.

Eine schwimmende Stadt – und was sie mit PLM zu tun hat

Zunächst galt es, tief in die komplexen Anforderungen und Prozesse des Schiffbaus einzutauchen und sie zu verstehen. Durch intensive Gespräche mit Werften, fundierte Analysen und der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft, konnten wir ein umfassendes Wissen aufbauen. Was uns dabei wirklich beeindruckt hat, ist die akribische Sorgfalt, mit der die Werften in diesem Projekt die gigantischen Informationsmengen verarbeiten, sicher gewerkeübergreifend kollaborieren und dabei souverän den strengen „Schiff-TÜV“, die sogenannte Klassifikation, meistern. Das umfasst Zehntausende Seiten an Prüfberichten, Berechnungen, Handbüchern und technischen Spezifikationen.

Was hier entsteht, ist nichts weniger als eine kleine, autark über die Ozeane schwimmende Stadt, dessen Bau jedes Mal auf Neue fasziniert. Das gilt für klassische Fracht- und Containerschiffe genauso, wie für hochspezialisierte Kabelverlegeschiffe, komplexe Forschungsschiffe oder Einheiten für den militärischen Einsatz.

Der Daten-Backbone: Die Verbindung der maritimen Welt

Die größte Herausforderung liegt in der effizienten Verwaltung und transparenten Kontrolle der unterschiedlichsten Informationen, die über alle Gewerke sowie Entwicklungs- und Bauphasen hinweg entstehen. Wir haben dafür ein Datenmodell entwickelt, was speziell auf den Schiffsbau zugeschnitten ist und sämtliche Informationsarten, wie zum Beispiel Projektpläne, CAD-Modelle, Simulationsergebnisse, Konstruktionspläne und Lieferantenverträge, miteinander verknüpft.

Das Schiff als „physisch großes und komplexes System“ zu betrachten, ist dabei entscheidend. Das bedeutet, dass nicht einige wenige den Überblick über das Gesamtschiff behalten, sondern eine Vielzahl an Ingenieur*innen sich auf kleinere Verantwortungsbereiche aufteilt.

Dabei nehmen sie je nach Entwicklungsaufgabe und -phase unterschiedliche Perspektiven auf das Schiff ein: Während bei der Auslegung der Antriebseinheit eher der Aufbau des entsprechenden Systems von Interesse ist, steht bei der Auslegung des Schiffsrumpfs die räumliche Aufteilung im Zentrum. Eine klassische Produktstruktur, die Bauteile und -gruppen entsprechend ihrer Zusammensetzung hierarchisch organisiert, wird diesen Anforderungen nicht gerecht. Es gibt nicht „die eine“ Produktstruktur, sondern verschiedene Blickwinkel: systemisch, räumlich, produktionszentriert und modulorientiert.

Viele Werften und Entwicklungsbüros nutzen eine zentrale Systemstruktur, da ein Großteil der Arbeit die Auslegung, Konstruktion und Integration von Systemen aller Art betrifft. In Europa hat sich hierfür das „SFI Group System“ als Quasi-Standard durchgesetzt. Dieser Standardkatalog mit drei Ebenen umfasst 4080 Einträge für Systeme und Subsysteme, die in Schiffen jeglicher Art auftreten können.

Schematische Darstellung zum Schiffbau
Das Datenmodell von CONTACT erweitert den Standardkatalog um weitere Perspektiven.

Unsere IT-Architekt*innen haben gemeinsam ein Datenmodell entwickelt, das die weiteren Perspektiven um diesen Standard herum systematisch abbildet (siehe dazu unser Paper auf Zenodo). In der frühen Schiffentwicklung werden die Systeme zunächst mithilfe von Platzhaltern grob dimensioniert. Man legt zum Beispiel fest, dass ein Motor benötigt wird, nicht jedoch welcher. Diese Platzhalter, nachfolgend Positionen (engl. „Item“) genannt, werden nach den Katalogen des SFI Group Systems organisiert.

Im weiteren Entwicklungsverlauf verknüpfen wir diese mit weiteren Strukturen, die die Grundlage anderer Perspektiven bilden. Am vorherigen Beispiel des Antriebs kann das zum Beispiel bedeuten, dass für diese Position ein konkreter Motor ausgewählt wird. Neben entsprechenden Dokumenten, Anforderungen, Spezifikationen und Projektaufgaben kann darüber hinaus auch ein CAD-Modell angebunden werden, was unser Partner Cadmatic mit einer tiefgreifenden Integration der CAD-Werkzeuge ermöglicht.

Das Projekt ist noch nicht final abgeschlossen, doch ein schiffbauspezifischer PLM-Backbone, die flexible, modulare CONTACT Elements Plattform und die Tiefenintegration mit Schiffs-CAD bilden bereits ein solides Fundament, um auf der Anwendungsebene weiterzuentwickeln. Die Dimensionen machen deutlich, warum das so wichtig ist: Wenn von den bis zu 4.000 möglichen Subsystemen zu jedem auch nur zehn Dokumente an Spezifikationen, CAD-Dokumenten, Analysen, Handbüchern und Prüfungsdokumentationen gehören, sprechen wir von gewaltigen Datenmengen, die ohne strukturiertes Management unkontrollierbar werden.

Hinzu kommt, dass jedes dieser Dokumente eigene Zyklen, Prüfungen und Freigaben durchläuft, die sowohl innerhalb des Unternehmens als auch extern abgestimmt werden müssen. Ein lückenloses, nachverfolgbares Dokumentenmanagement über Unternehmensgrenzen hinweg ist daher absolut unerlässlich und dank einer Erweiterung in CONTACT Elements für den Schiffbau auch realisierbar.

Mehr zum Hintergrund und zu den Beteiligten erfahren Sie im SEUS-Jahresbericht 2025.

Was ist Material Data Management?

Wenn mich jemand etwas zu Material Data Management fragt, antworte ich immer erst mit der Gegenfrage, was mit „Material“ genau gemeint ist. Das ist vielleicht nicht die Antwort, die mein Gegenüber in diesem Moment erwartet, erspart uns beiden aber lange Minuten der Verwirrung und des aneinander Vorbeiredens. Der Grund: Material ist nicht gleich Material.

Zur Mehrdeutigkeit der Sprache

Als Franzose in Deutschland bin ich daran gewöhnt, dass Doppeldeutigkeit zu Missverständnissen führt. Manche Ausdrücke lassen sich von einer Sprache in die andere nicht eins zu eins übersetzen – zumindest nicht so, dass jedem auf Anhieb klar wird, was gemeint ist. Ein allgemein bekanntes Beispiel ist das Wort „Gemütlichkeit“. Den Begriff gibt es nur auf Deutsch. Tückischer sind aber die sogenannten falschen Freunde: Wortpaare wie „gift“ im Englischen und „Gift“ auf Deutsch. Sehen gleich aus, die Bedeutung unterscheidet sich aber grundlegend. Auch als erfahrener Polyglott ist man nicht davor geschützt. So können zum Beispiel meine französischen Gesprächspartner irritiert wirken, wenn ich sage, etwas hätte mich „irrité“ und damit meine, etwas hätte mich überrascht. Sie verstehen darunter jedoch, ich hätte vor lauter Verdruss irgendeinen Hautausschlag bekommen.

Was im Alltag zu lustigen und sogar mitunter leicht peinlichen Situationen führen kann, sorgt in der Arbeitswelt oft für Ineffizienz. Um Beispiele zu finden, müssen wir nicht mal im internationalen Kontext suchen: Auch innerhalb einer deutschsprachigen Organisation sprechen nicht unbedingt alle die gleiche Sprache. Schuld daran ist nicht die starke Ausprägung der Dialekte vielerorts, sondern die disziplinäre Ausprägung der Sprache: Personen mit unterschiedlicher Qualifikation beziehungsweise Expertise können unter demselben Wort unterschiedliche Dinge verstehen.

Und das bringt mich zu dem Thema dieses Beitrags. Genauer gesagt zum mehrsprachigen Geflecht und der interdisziplinären Mehrdeutigkeit des Worts „Material“, dessen galaktische Verwirrung rund um die Begrifflichkeit ich gerne auflösen möchte.

Material ist nicht gleich Material

In Unternehmenssoftware geht es viel um die Verwaltung von Materialien (Materials im Englischen) und deren Daten. Es gibt dafür tolle Lösungen. Sie heißen Materials Management oder Materials Data Management oder sogar Master Material Data Management. Die Bezeichnungen klingen sehr ähnlich und werden in der Praxis oft synonym verwendet. Dabei verweisen sie auf völlig verschiedene Dinge. Frei nach dem Motto „Material ist gleich Material“ wird übersehen, dass das Wort für unterschiedliche Disziplinen eine unterschiedliche Bedeutung haben kann und Sachen in einen Topf geschmissen werden, die wenig miteinander zu tun haben. Verwechslungen und Missverständnisse sind so vorprogrammiert.

Unterschiede innerhalb der Disziplinen

In der Produktionslogistik bzw. der Materialbedarfsplanung ist ein Material eine logistische Einheit, das heißt eine Ressource, die für irgendeinen wertschöpfenden Prozess benötigt wird. Waren, die man kaufen kann, wie zum Beispiel eine Schraube, ein Flansch, eine Spindel, ein Reifen und so weiter. Die Kunst, Materialien sinnvoll zu beschaffen, zu bewegen und zu lagern, wird im Deutschen als Materialwirtschaft und im Englischen als Materials Management benannt. 

Im Kontext der Produktentwicklung spielen Materialien in diesem Sinne keine Rolle. Die Entwicklung interessiert sich nicht für die Schaube und wo sie gelagert wird, sondern nur für ihre Beschreibung. Um es in der Sprache der Informationstechnik zu verdeutlichen: Die Entwicklung definiert Klassen, die Produktionslogistik verwaltet Instanzen dieser Klassen. Jedoch tritt das Konzept von Material auch hier wieder auf, denn im Sprachgebrauch werden Artikel, Teile und Baugruppen gerne als Materialien benannt. Der Grund dafür ist, dass sie an der Schnittstelle zwischen PLM und ERP zu Materialien im Sinne der Produktionslogistik werden. Hieraus entstehen irreführende Bezeichnungen wie Material Management oder Material Data Management. Richtiger wäre es hierbei, von Master Data Management im Sinne einer Teilestammverwaltung zu sprechen.

Im Engineering (inklusive Simulation) ist das Wort Material das Synonym für Werkstoff. Das ist naheliegend, ist die englische Übersetzung von Werkstoff doch Material und beschreibt hier die physische Komposition eines Objektes im Sinne der Materialwissenschaft beziehungsweise der Werkstofftechnik: Also, ob ein Objekt zum Beispiel aus Holz, PA66, Inconel oder GFK gefertigt wird. Die Verwaltung aller Informationen rund um Werkstoffe und ihrer Eigenschaften wird Werkstoffdatenmanagement (im Englischen Material Data Management) genannt. Verwirrenderweise steht das Akronym MDM auch für Master Data Management, was zur Schärfung der Begriffe nicht besonders zuträglich ist.

Unterschiedliche Disziplinen, unterschiedliche Bedeutungen des Wortes Material

Fazit

Die Verwirrung ist also groß. Abhilfe schaffen PLM-Lösungen, die auf die jeweiligen Disziplinen zugeschnitten sind. Sie bedienen die unterschiedlichen Anforderungen optimal und sorgen so insgesamt für bessere Zusammenarbeit. Mit einem Master Data Management als Kern-PDM-Funktion lassen sich alle Teilestammdatensätze konsistent halten und effizient verwalten. Ein modernes Material Data Management speichert alle Informationen zu Werkstoffen und dient als Referenz für den gesamten Produktentwicklungsprozess. Material Compliance unterstützt dabei, die qualitätsgeprüfte Lieferung regulierter Werkstoffe und Vorprodukte zu dokumentieren und stellt sicher, dass nur zugelassene Stoffe verarbeitet werden. Mit Schnittstellen zu ERP-Systemen machen digitale Materialien (im Sinne der Entwicklung) dann auch problemlos den Schritt in die physische Welt und werden zu Materialien im Sinne der Produktionslogistik.

PLM ist mehr als Produktdatenmanagement

Nein, ich habe das Schießpulver nicht erfunden. Ich weiß auch, dass die Überschrift eine Binsenweisheit ist, die eigentlich jeder kennen sollte. Und doch kann man sie nicht oft genug wiederholen, weil viele PLM-Implementierungen nie oder erst mit jahrelanger Verzögerung die Hürde des Produktdatenmanagements (PDM) nehmen und damit ihrem Anspruch, ein PLM-Projekt zu sein, eigentlich nicht gerecht werden. „PLM ist mehr als Produktdatenmanagement“ weiterlesen