User Experience (UX) im KI-Zeitalter

Ich bin von Haus aus UX-Designerin. Mein Herz schlägt für intuitive Oberflächen, konsistente Nutzungserlebnisse und die Frage: Wie kommt ein User möglichst einfach von A nach B? Jahrelang war die Antwort in Business Software immer recht eindeutig: klare Menüs, erlernbare Muster, effiziente Wege durch das System. Doch ist die Frage mit Blick auf den Einfluss von KI auf die UX überhaupt noch aktuell?

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur, was Software kann. Sie verändert, wie wir mit Software arbeiten. Und das hat Auswirkungen auf das, was wir unter „guter User Experience“ verstehen.

Das Ende der klassischen Bedienoberfläche?

Schauen wir auf ein Beispiel aus dem Engineering-Alltag: Sie erhalten eine E-Mail. Ihr Zulieferer teilt mit, dass Bauteil #4711 ab März nicht mehr lieferbar ist. Bisher würden Sie sich durch die Stückliste klicken, manuell nach Verwendungen suchen, Alternativen in einem anderen System recherchieren, einen Änderungsantrag anlegen und Kolleg*innen per Mail informieren. Das alles dauert Stunden, verteilt über mehrere Tools.

Demnächst sprechen Sie nur noch ein: „Bauteil #4711 fällt weg – was ist betroffen und was sind Alternativen?” Das System prüft selbständig alle Baugruppen, schlägt qualifizierte Ersatzteile vor und bereitet den Änderungsantrag zur Freigabe vor.

Noch ein Schritt weiter in die Zukunft und Sie müssen die Frage gar nicht mehr stellen. Das System erkennt die Auswirkung selbst, schlägt die Änderung proaktiv vor und wartet nur noch auf Ihre Freigabe.

Neue Anforderungen an die UX

Das Beispiel beschreibt den Paradigmenwechsel, den KI-Funktionen und -Agenten in Engineering-Umgebungen gerade einleiten. Dieser Wandel stellt vieles auf den Kopf, was wir über UX gelernt haben.

Die UX von morgen wird nicht mehr daran gemessen, wie intuitiv eine Oberfläche zu bedienen ist. Sie wird daran gemessen:

  • …wie gut das System die Absicht des Nutzers versteht
  • …wie relevant die proaktiven Vorschläge sind
  • …wie intelligent die Automatisierung im Hintergrund arbeitet

Anders formuliert: Die beste UX wird wahrscheinlich die sein, bei der man am wenigsten mit einer Oberfläche interagieren muss, um sein Ziel zu erreichen.

Fünf Prinzipien, die UX neu definieren

Was bedeutet das konkret? Ich sehe fünf Verschiebungen, die sich abzeichnen – besonders im Engineering-Umfeld.

1. Konversation statt Klick

Sprache und Text werden zur primären Schnittstelle. Nicht weil Klicken schlecht ist, sondern weil natürliche Sprache näher an unserer eigentlichen Absicht liegt als jede Menüstruktur. Ein gut trainiertes System versteht, was gemeint ist – auch dann, wenn die Formulierung nicht exakt passt.

Das erfordert ein radikales Umdenken: Es geht nicht mehr darum, dass User*innen den Umgang mit der Oberfläche einüben. Das System muss lernen, den Menschen zu verstehen.

2. Proaktiv statt reaktiv

Heutige Software wartet auf Eingaben. Zukünftige Systeme handeln von sich aus: Sie erkennen Risiken, bevor sie entstehen, schlagen Aktionen vor, bevor Nutzer*innen danach suchen, und weisen auf Inkonsistenzen hin, bevor sie zu Problemen werden.

Ein Qualitäts-Agent, der Datenströme überwacht und automatisch Korrekturmaßnahmen einleitet – das ist nicht Zukunftsmusik. Das ist eine konkrete Architekturentscheidung, die heute getroffen werden kann.

3. Adaptiver Arbeitsbereich – just in time

Die Oberfläche konfiguriert sich nach Rolle, Aufgabe und Datenkontext. Eine Konstrukteurin benötigt ein anderes Interface als eine Projektleiterin oder ein Qualitätsverantwortlicher. Und was man um 9 Uhr morgens braucht, kann sich von den Anforderungen um 15 Uhr unterscheiden.

Intelligente Systeme passen sich an den Menschen an – nicht umgekehrt.

4. Wissensgraph statt Stichwortsuche

Klassische Suche findet Dokumente, die ein Schlagwort enthalten. Eine semantische Suche auf Basis eines Wissensgraphen versteht Beziehungen: Wo wird dieses Bauteil verbaut? Welche Varianten sind betroffen? Was hat sich in der letzten Version geändert?

Dieser Unterschied klingt technisch. Er hat aber unmittelbare UX-Konsequenzen: Nutzer*innen müssen nicht mehr wissen, wonach sie suchen müssen. Das System liefert den richtigen Kontext.

5. Human-in-the-Loop – der Mensch entscheidet

So beeindruckend KI-Agenten auch sind: Die Entscheidungshoheit bleibt beim Menschen – oder sollte es in jedem Fall.

Gute UX in KI-Systemen bedeutet, den richtigen Moment zu finden, an dem das System pausiert und auf menschliche Genehmigung wartet – nicht zu früh (das wäre nervig), nicht zu spät (das wäre riskant).

Human-in-the-Loop ist kein Sicherheitsnetz. Es ist eine Designentscheidung, die Vertrauen schafft.

Eine Flotte digitaler Kolleg*innen

Ein Bild hilft mir, wenn ich über die Zukunft der Zusammenarbeit mit KI nachdenke: Stellen Sie sich vor, Sie bekommen kein neues Tool, sondern neue Kolleg*innen, die sich um Engineering und Design kümmern. Die auf Qualität und Compliance spezialisiert sind und die Lieferkette im Blick haben.

Diese digitalen Agent-Kolleg*innen arbeiten still im Hintergrund, orchestriert und aufeinander abgestimmt. Sie sind nicht omnipräsent, aber immer dann zur Stelle, wenn sie gebraucht werden.

Das verändert nicht nur die Arbeit, sondern auch das Verhältnis zur Software. Aus einem Werkzeug, das bedient werden muss, wird ein Partner, der mitdenkt.

BU: In CONTACT Elements enthaltene KI-Assistenten helfen Ingenieur*innen bei ihren Aufgaben.

In CONTACT Elements enthaltene KI-Assistenten helfen Ingenieur*innen bei ihren Aufgaben.

Was das für die Praxis bedeutet

Diese Veränderungen geschehen nicht über Nacht. Und sie sind keine Selbstläufer. Wer von intelligenter UX profitieren will, braucht dafür die richtige Grundlage: strukturierte Daten, klare Governance. Und ein System, das KI nicht als Add-on, sondern als integralen Bestandteil versteht.

Die Qualität der KI-Ausgaben ist direkt abhängig von der Qualität der Eingaben. Ein Agent, der auf unstrukturierte oder unvollständige Daten zugreift, liefert unzuverlässige Ergebnisse und schlechte UX, egal wie gut das Interface gestaltet ist.

Deshalb lautet mein wichtigstes Fazit aus der Arbeit der letzten Monate: Investitionen in Datenqualität und Plattformarchitektur sind Investitionen in User Experience.

Der Mensch bleibt im Mittelpunkt

KI verändert die Oberfläche, aber nicht das Ziel. Technologie soll Menschen in die Lage versetzen, ihre Arbeit gut zu erledigen. Mit weniger Reibung, mehr Kontext undbesseren Entscheidungsgrundlagen.

Dass dies künftig über Konversation statt Klick, über proaktive Vorschläge statt leerer Textfelder, über semantische Zusammenhänge statt Stichwortsuche geschieht, ist keine Bedrohung für gutes UX-Design. Es ist eine Einladung, neu darüber nachzudenken, was „intuitiv“ eigentlich bedeutet.

Künstliche Intelligenz richtig einsetzen

Künstliche Intelligenz entfaltet ihre Wirkung nur, wenn Sie KI-Funktionen systematisch und wertschöpfend in Ihren Prozessen verankern. Wie das funktioniert, erfahren Sie in unseren AI Insights. Mit dem Newsletter erhalten Sie handfeste Praxisbeispiele, Best Practices und wertvolle Tipps rund um Engineering und Manufacturing Intelligence.

Personas für Business Software – Spielerei oder nachhaltiger Mehrwert?

„Personas sind doch Start-up-Schnick-Schnack und für Business Software nur Spielerei!” So oder so ähnlich haben das bestimmt viele Produktentwickler:innen schon einmal gehört. Ich in jedem Fall. Aber was ist dran an der Kritik, dass Personas eher für Consumer-Produkte einen relevanten Mehrwert bieten und für Business Software nur kreatives Beiwerk sind?

Was sind eigentlich Personas?

Personas sind fiktive Personen, die typische Vertreter:innen einer bestimmten Zielgruppe repräsentieren. Sie geben Produktentwickler:innen, Kunden und Stakeholdern eine Vorstellung davon, wer das Produkt nutzt. Typischerweise zeichnen sich Personas neben einem Foto und Namen noch durch Informationen zu Alter, Beruf, Freizeitaktivitäten, Familienstand und zum Lebenslauf sowie typischen Bedürfnissen und Ängsten aus.

Personas im Kontext von Business Software

Doch wie gehe ich als Produktentwickler:in damit um, wenn meine Zielgruppe in erster Linie nicht Personen mit individuellen Bedürfnissen und Vorstellungen sind, sondern mit konkreten beruflichen Herausforderungen?

Denn ob zum Beispiel die Digital Asset Managerin Diana Asmussen in ihrer Freizeit gerne Computer spielt oder mit ihren Hunden in den Urlaub fährt, ist für die Produktentwicklung uninteressant. Ins Rampenlicht tritt Diana mit ihren beruflichen Anforderungen als Digital Asset Managerin und ihren Anforderungen an ein IoT-System. Bei der Konzeption von Business Software sollten Arbeitnehmer:innen adressiert werden, die ihre Aufgaben effizient erledigen wollen und in ihren Rollen und Unternehmensprozessen agieren.

CONTACTs Personas

Bei CONTACT haben wir uns deshalb dazu entschieden, Personas innerhalb eines fiktiven Unternehmens basierend auf ihren Rollen und damit einhergehenden Aufgaben zu erstellen. Den Input haben wir von unseren internen Fachexperten und durch Kundeninterviews erlangt. Jede Persona besitzt eine Aufgabenbeschreibung und Informationen zur Nutzung von CONTACT Elements.

Exemplarische Darstellung der Personas und Abteilungszugehörigkeiten eines fiktiven Kunden.

Konkret heißt das…

Die ganzheitliche Sicht auf die Bedürfnisse der Anwender:innen liefert der Produktenwicklung wertvollen Mehrwert – vom Wissensaufbau bis hin zur Qualitätssicherung.

Personas machen die Anwender:inner greifbar und helfen neuen und langjährigen Produktentwickler:innen dabei, unsere Zielgruppen besser kennenzulernen.

Durch die Beantwortung von Fragen wie: Wer arbeitet mit dem 3D Cockpit? Was macht eine Anwenderin im Variantenmanagement? Oder Mit wem arbeitet ein CAE Ingenieur zusammen? wissen sie genau, für wen sie entwickeln und können Anforderungen zielgerichteter bedienen. Als Beispielanwender:innen in Konzepten, Demos und Review-Systemen inklusive aller Rechte, die sie auch in der Realität hätten, stellen Personas zudem sicher, dass auch während der Entwicklung und in der Qualitätssicherung nutzerzentriert gearbeitet wird.

Aber auch außerhalb der Produktentwicklung haben Personas einen hohen Mehrwert. In Präsentationen und in der Beratung nutzen wir sie zur lebhaften Darstellung von Szenarien, zum Verständnisaufbau und zur Identifikation.

Meine Antwort zur anfangs gestellten Frage, ob Personas Spielerei sind oder einen nachhaltigen Mehrwert bieten, fällt damit eindeutig aus: Personas sind ein zentrales Mittel, um im Sinne der Anwender:innen die für sie bestmögliche Software zu entwickeln. Sie verdeutlichen die Bedürfnisse, helfen dabei, Anforderungen zu priorisieren und fördern einen nachhaltigen Wissensaufbau über die Zielgruppen im gesamten Unternehmen.